Folgende Argumente sprechen gegen das Vorhaben:
- Ein Gesamtkonzept fehlt.
Obschon in der Gemeinde Bolligen die Schulraumknappheit schon seit langem bekannt ist, existiert bis heute kein Gesamtkonzept für die langfristige Schulraumplanung. Die Gemeinde möchte ein solches Gesamtkonzept erst bis Ende 2023 erarbeiten. Die Folge davon ist eine «Pflästerlipolitik» – es wird nur auf die unmittelbaren Probleme reagiert. Eine Gesamtsicht und langfristige Planung fehlt. Zudem haben künftig möglicherweise auch Spitex, öffentliche Kita und Vereine Platzbedarf. Auch arbeitet eine separate Arbeitsgruppe der Gemeinde am Thema Ganztagesschule.
- Vorhaben entstand unter starkem Zeitdruck.
Das Vorhaben wurde von der Abteilung Hochbau in Eigenregie erarbeitet und direkt der internen Arbeitsgruppe und dem Gemeinderat zum Entscheid vorgelegt. Eine externe Überprüfung oder Begleitung durch Fachleute (ausser Denkmalpflege und internes Bauinspektorat) fand nicht statt. Ebenso wenig wurde ein Architekturwettbewerb durchgeführt. Eine sorgfältige Abwägung und Planung waren in dieser kurzen Zeit nicht möglich.
- Kein Einbezug der Bevölkerung, fehlende Kommunikation.
Es fand kein Einbezug der Bevölkerung und der relevanten Gruppen (Nutzerinnen, Anwohnende, Vereine, usw.) und Instanzen (RBS, kant. Tiefbauamt, Beratungsstelle für Unfallverhütung usw.) statt. Obwohl die Gemeindeverwaltung bereits im Mai am Vorhaben arbeitete, fehlt der Begriff «altes Schulhaus» im Protokoll des öffentlichen Anlasses Schulraumplanung vom 4. Mai 2022 gänzlich. Auch die Machbarkeitsstudie Schulraumplanung vom 2. August 2022 erwähnt den Standort mit keinem Wort. Die Anwohnenden wurden erstmals im November über das Projekt in Kenntnis gesetzt.
- Die Machbarkeitsstudie (August 2022) zeigt Lösung im Lutertal auf.
Für die fundierte Machbarkeitsstudie wurden Expertisen eingeholt (Erarbeitung durch IC Infraconsult) und es fand eine öffentliche Mitwirkung (Anlass im Mai) statt. Die Machbarkeitsstudie zeigt eine gute Lösung inkl. Anordnung der Baukörper und Grobkostenschätzung von 10.9 Mio. für einen Ausbau auf dem bestehenden Schulgelände Lutertal auf.
- Intransparenz bei Gegenüberstellung der Varianten
Die beiden Hauptargumente Zeit und Kosten, welche aus Sicht der Gemeinde gegen den Standort Lutertal sprechen, werden ungenügend erläutert. Den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern wird kein Variantenvergleich und kein detaillierter, überprüfbarer Kostenvergleich zwischen den beiden Standorten präsentiert, sondern einzig das Neubauprojekt beim alten Schulhaus. Die Gemeinde argumentiert sowohl bei der zeitlichen Realisierbarkeit, wie auch bei den Kosten mit düstern Szenarien: Es existiere kein Plan B, man stehe mit dem Rücken zur Wand und die Realisierung einer Lösung im Lutertal würde im Vergleich zum alten Schulhaus zu lange dauern. Eine solche Argumentation ist weder zielführend noch nachvollziehbar und nimmt die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zu wenig ernst.
- Zeit: der Gemeinderat spricht beim alten Schulhaus offiziell von einer Realisierung innerhalb von 2 Jahren. Diese Terminplanung ist aus Sicht von Fachleuten fragwürdig und zu ambitioniert. Gemäss Stellungnahme der Schulleitung Primarstufe und Tagesschule und des Lehrerkollegiums werden zusätzliche Räume nicht von heute auf morgen gebraucht und es bleibt genug Zeit für die Planung eines nachhaltigen Gesamtkonzeptes. Laut der Stellungnahme können bis 2027 zudem Übergangslösungen gefunden werden. Zeitpläne, die uns auf unser Ersuchen hin von der Gemeindeverwaltung zugänglich gemacht wurden zeigen, dass auf dem Areal Lutertal 2027 gebaut werden könnte (inkl. aller Prozessschritte, welche beim Standort altes Schulhaus übersprungen wurden wie Planungskredit, Wettbewerb, Ausarbeitung Siegerprojekt, detailliertes Bauprojekt). Und in diesem Zeitplan ist sogar noch Luft: als Vergleich dazu beanspruchte die Erweiterung Lutertal I ein Jahr weniger.
- Kosten: Je knapper die Finanzen sind, desto sorgfältiger ist zu planen. Schnellschüsse sind zu vermeiden. Langfristig wird die vorgeschlagene Variante wohl teurer, da weitere Ausbauschritte folgen werden. Eine zusätzliche Turnhalle und Aula fehlen ganz. Und wie könnte es nach 2035 weitergehen? 10.4 Millionen sind zu viel Geld für ein Vorhaben, das nicht befriedigt und zu kurz gedacht ist.
- Viele in der Bildung tätige Personen lehnen Projekt ab
Die Schulleitung Primarstufe und Tagesschule, sowie das gesamte Kollegium der Lehrerschaft lehnen in ihrer Stellungnahme das Vorhaben vehement ab. Der Standort altes Schulhaus sei ungeeignet und die Erweiterungsbauten müssten am Standort Lutertal realisiert werden, so wie es die Machbarkeitsstudie aufgezeigt hat. Es sollte zu denken geben, dass praktisch alle Personen, die im Bildungsbereich in unserer Gemeinde tätig sind, das Vorhaben ablehnen. Die Bedürfnisse und Bedenken der Schule flossen ungenügend in den Entscheidungsprozess der Gemeinde ein.
- Minimaler Aussenraum für 120 Kinder
Die enge Parzelle des alten Schulhauses bietet nur einen minimalen Aussenraum für die geplante Anzahl Kinder (u.A. 2 Kindergartenklassen und Tagesschule). Gemäss Aussage der Gemeindeverwaltung beträgt der Aussenraum 1000 m2. Zieht man davon die schmalen, nicht nutzbaren Grünstreifen entlang des Neubaus und den Zugangsbereich von der Strasse her ab, verbleiben noch rund 700 m2 an nutzbarem, gesichertem Aussenraum. Die Gemeinde hofft darauf, dass Nachbarn noch Flächen abtreten.
- Keine öffentlichen Parkplätze
Alle öffentlichen Parkplätze beim alten Schulhaus werden aufgehoben. Wendemanöver auf der Habstettenstrasse und das Anhalten auf dem Trottoir oder bei der Bushaltestelle im Zusammenhang mit der Tagesschule sind vorprogrammiert. Die vier verbleibenden Parkplätze für die Lehrerschaft sind so angeordnet, dass eine U-Schlaufe durch das ganze Quartier Tieracker gefahren werden muss. Teilweise auf einem der Verbindungswege der Schüler ins Lutertal.
- Gefährliche Lage
Das Schulgelände grenzt direkt an zwei stark befahrene Strassen. Der Strassenverkehr, nur durch ein Trottoir vom Schulhaus getrennt, bildet ein Sicherheitsrisiko.
- Quartiersicht
Der Neubau wird in einen knappen Siedlungsraum hineingequetscht. Die Grenzabstände werden ausgereizt. Die bestehenden Bäume müssen weichen. Von einer Beurteilung, ob der Bau ins Ortsbild passt, ist nicht die Rede.
Eine sorgfältige Gesamtplanung fehlt, der Bevölkerung werden keine Varianten präsentiert, langfristig wird die vorgeschlagene Lösung wohl teurer (weitere Ausbauschritte werden folgen) und die Umsetzung innerhalb der genannten Fristen bleibt ungewiss. Der Verpflichtungskredit ist aus diesen Gründen an der Gemeindeversammlung abzulehnen.
Deshalb: Nein zum Verpflichtungskredit für die Schulraumerweiterung am Standort altes Schulhaus. Aber Ja zu einer sorgfältigen, zukunftsorientierten und langfristig kosteneffizienten Schulraumplanung.
Der kurzfristig benötigte Schulraum ist allenfalls kostengünstig mittels eines Provisoriums oder einer Übergangslösung abzudecken.
Komitee «Nein zur Schulraumerweiterung altes Schulhaus»